Wenn die Post mit der Vespa kommt – ein Semester in Italien


Auf meiner Zugreise nach Italien über die Alpen änderte sich mit jeder Stunde das Panorama, von grünen Wiesen, schneebedeckten Gipfeln in der Ferne, bis zu Schneemassen am Brenner. Dergleichen wechselten sich auch die Fahrgäste in meinem Abteil ab, mein Kofferberg und ich waren die einzigen Konstanten. Von drei Schwarzfahrern, die mir ihre fehlenden Tickets ganz charmant als „unser Geheimnis“ verkauften, über ein österreichisches Ehepaar, das mich vor den dunklen Gestalten am Brenner warnte und mir Italien als das perfekte Land für ein Semester Kommunikationswissenschaften pries – „die haben ja vor zehn Jahren schon alle ein Handy am Ohr kleben gehabt“, bis zu zwei italienischen Lehrerinnen hatte ich immer interessante Mitfahrer. Am Ende saßen nur noch vier Jugendliche mit im Abteil, alle meditativ versunken in ihre Smartphones. Hatte das Ehepaar wohl doch recht gehabt mit der Handykommunikation in Italien. Auch ich sollte mich nur wenige Tage später für eine italienische Sim-Karte mit Internetoption entscheiden, so schnell geht die Assimilierung.


Manches überrascht dafür mehr, so herrscht zwischen 13 und 16 Uhr strikte Siesta. Und daran halten sich die Italiener nicht nur, wie mir erklärt wurde, sie bestehen regelrecht darauf. So entfällt auch das gemütlich-deutsche Kaffeetrinken, denn um halb acht abends scheint immer noch die perfekte Zeit für den Nachmittagskaffee zu sein. Und warum nicht gegen halb elf die Vorbereitungen für das Abendessen beginnen? Andere Regeln werden dafür großzügig ausgelegt: Taxis können auch in entgegengesetzter Richtung durch die Einbahnstraße fahren. Und mein schönster Moment war im eigentlich rauchfreien Bahnhof von Reggio Emilia, als der Zeitschriftenhändler, in seinem kleinen Kabuff gerahmt von Frauenzeitschriften, Bonbons und Kaugummis, auf meine Frage nach Briefmarken erst mal einen tiefen Zug von seiner Zigarre nahm.
Überhaupt wird einem die panisch-deutsche Genauigkeit immer wieder wie ein Spiegel vor das Gesicht gehalten. Wenn man ohnehin schon zu spät ist und noch hektisch nach dem Seminarraum sucht, dann noch bemerkt, dass dieser in einem völlig anderen Gebäude der Uni ist, kommt man immer noch „pünktlich“, denn die Dozentin ist gerade noch dabei, den Beamer mit einem Besenstil anzustellen, da die Fernbedienung kaputt ist. Oder dein Kommilitone kommt drei Minuten vor Unterrichtsende noch in den Saal gehechtet, non c’è problema!
Wie häufig bin ich während dieser ersten Woche verloren gegangen oder musste nachfragen, wie etwas funktioniert und jedes Mal wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mir zu helfen. Nachdem ich verloren am Bahnhof stand und die nächstbeste Passantin nach dem Weg fragte, nahm sie mich regelrecht an die Hand, denn es stellte sich heraus, dass sie eine Professorin an meiner Uni ist und wir haben uns auf dem Weg zur Uni prächtig unterhalten.Auch in meiner WG wurde ich herzlich aufgenommen. Die Zusage kam recht kurzfristig über Facebook: Natürlich kannst du morgen bei uns einziehen! Da ich noch nie vorher in Modena war, konnte ich auch dem Taxifahrer nicht weiterhelfen, als er mich fragte, in welche Richtung wir fahren müssen, aber dank Google Street View erkannte ich wenigstens die Straße wieder.
Modena ist eine wunderschöne Kleinstadt, die Häuser sind alle in warmen Rot-, Gelb- und Orangetönen gehalten, die Farbe blättert schon ein bisschen ab, doch geben sie den kleinen verwinkelten Kopfsteinpflastergassen ein einladendes Flair. Wie gerne habe ich mich in diesen ersten Tagen in den schmalen vicoli verloren und bin mit großen Augen durch die Stadt geschlendert. Tatsächlich ist die Stadt aber nicht übermäßig groß, so dass man sich nach ausgiebigem Flanieren der großen Leidenschaft der Italiener, dem Essen widmen kann. Laut Reiseführer bin ich hier im „Bauch Italiens“ angekommen und der Wochen- und Supermarkt gibt Aufschluss über die lokale kulinarische Vielfalt. So organisiert das Erasmus Student Network nicht nur die obligatorischen Partynächte, sondern auch einen Kochkurs zum Thema Tortellini selber machen. Durch so einige Spezialitäten, von torta barozzi bis gnoccho fritto, habe ich mich schon geschlemmt, und freue mich in den nächsten Wochen mehr zu berichten!

Anne Heimerl, 3. Semester Kulturwissenschaftliche Medienforschung

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