Sotto i portici c’è il sole – ein Semester in Italien


Gerade bin ich in der richtigen Stimmung für einen weiteren Bericht aus Italien, nachdem ich klatschnass und völlig durchweicht vom Regen nach Hause gekommen bin. Alle paar Wochen überrascht Modena mit einem kleinen Weltuntergang: Stundenlanger Platzregen, damit verbundene, knöcheltiefe Pfützen und Straßen, die sich in Flüsse verwandeln, sind dann keine Seltenheit. Häufig hält der Regen auch tagelang an. Nachdem gleich mein zweites Wochenende meines Auslandssemesters in Modena regenwolkenverhangen war, versuchte ich mich an den Erdkundeunterricht der Oberstufe zurück zu erinnern – Italien liegt doch nicht etwa in der Monsunzone?




Natürlich nicht, dennoch liegt meine Wahlheimat Modena in einer klimatisch gesehen eher ungünstigen Lage: Über dem nahen Meer sammelt sich feuchte Luft an, die Regenwolken bewegen sich landeinwärts und werden vom Apennin aufgehalten – daher kommt es genau in der Region Emilia Romana zu exzessiven Regenschauern. Wie meine Recherchen ergaben, war besonders das „Frühmittelalter für Modena eine sehr schwierige Zeit, in der die Bevölkerung die Stadt wegen heftiger Überschwemmungen verließ“. Um der anhaltenden Abwanderung entgegenzuwirken, wurde schließlich ein Netz von Kanälen zur Wasserregulierung angelegt. Straßennamen wie Corso Canal Chiaro oder Corso Canal Grande erinnern noch heute daran, dass Modena einst wie Venedig anmutete.

Doch eigentlich wollte ich mich an dieser Stelle nicht über den Regen beschweren, sondern euch mein architektonisches Highlight der Region vorstellen: i portici, auf Deutsch Bogengang oder Arkaden. Typisch für die Region um Modena, prägen sie auch das Stadtbild vieler anderer Städte der Emilia Romana und verschönern jede Postkarte. Besonders bekannt für seine Portici, die mit einem Ausmaß von rund 40 km alle anderen Städte weit übertreffen, ist allerdings Bologna. Hier findet sich auch der mit knapp 4 km längste Bogengang der Welt, welcher hinauf zur Wallfahrtskirche San Luca führt. Man erzählt sich die Legende, dass im Frühjahr 1433 durch den andauernden Regen – ihr merkt, die hiesigen Niederschläge betreffend, übertreibe ich keineswegs – die Ernte der Stadt bedroht war. Folglich wurde angeordnet die Bildtafel der Madonna von San Luca in die Stadt zu holen. Kaum geschehen, schwächte sich auch der Regen ab. Jedes Jahr wird dieser Brauch gegen Ostern wiederholt und für den sehr wahrscheinlichen Fall, dass es in Strömen regnet, wurde besagter Arkaden-Marathon errichtet.
Doch wo liegt der eigentliche Ursprung dieser Bogengänge? Da die Arkaden einwandfrei vor Platzregen, Hagel, Schneefall und anderen unangenehmen Wettereinflüssen schützen, wird vermutet, dass sie eine Erfindung aus Zeiten sind, als der Handel noch stark von schlechter Witterung eingeschränkt wurde. Man berichtet aber auch, dass die Geburtsstunde der Portici im Mittelalter liegt, als die Bevölkerungszahl vieler oberitalienischer Städte, voran Bologna, stark anstieg und man sich gezwungen sah, Wohnraum zu schaffen. Dank der Arkaden konnte die Wohnfläche der oberen Stockwerke ausgebaut werden, ohne den Handel und die Geschäfte, die sich auf Bürgersteigniveau abspielten, zu stören. Gleichzeitig erlaubten sie den Handwerkern im Freien zu arbeiten, geschützt vor jeder Wetterlage und bei besseren Lichtverhältnissen als in den dunklen Werkstätten.

Vielleicht war man es aber auch einfach satt, ständig nass zu werden. Ich für meinen Teil freue mich sehr, wenn ich es dank der Portici trockenen Fußes von A nach B schaffe. Bei Regen findet das Leben der Stadt Unterschlupf unter den Arkaden: Unter ihren Bögen sammeln sich Cafés, Geschäfte, Straßenmusikanten, Flugblattverteiler, Rosenverkäufer und alle ohne Regenschirm, die auf einen regenfreien Moment hoffen. Doch auch bei gutem Wetter sind die Arkaden mit ihren verzierten Säulen, den bunten Fresken im Gewölbe und ihrer gleichmäßigen Architektur ein Augenschmaus. Ihre eleganten Bögen sollen auch gegen Sonne und Hitze schützen. Mir kam zu Ohren, dass Modena in den Sommermonaten unter einer unerträglichen Hitze brütet – ob ich seine Arkaden dann für ihren Schatten lieben werde? Sicher bin ich mir da noch nicht. Gerade genieße ich nämlich noch jeden einzelnen Sonnenstrahl.
Text u. Bild: Anne Heimerl, 3. Semester Kulturwissenschaftliche Medienforschung (MA)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.