Arrivederci! Ein Semester in Italien – ein Rückblick

Fast fünf Monate sind mittlerweile vergangen und ich lasse wieder einmal die Landschaft an meinem Zugfenster vorüberziehen. Im Gleichklang mit dem monotonen Fahrtgeräusch des Zuges setzen sich auch die Erinnerungen an die vergangen Monate in Bewegung. Erst einmal bin ich froh, überhaupt in einem fahrenden Zug zu sitzen, denn da braucht man in Italien, dem Land der Streiks und Verspätungen, schon etwas Glück. An meinem letzten Abend hat mir ein Freund scherzhaft sogar einen Tausch angeboten: Ich darf den guten Kaffee Italiens mitnehmen, wenn ich ihn gegen die Pünktlichkeit deutscher Züge eintausche. Da habe ich sofort zugestimmt und darüber geschwiegen, dass die Deutsche Bahn auch nicht immer sehr zuverlässig ist. Mir ist aufgefallen, dass in Italien gemeinhin ein recht verklärtes Bild von Deutschland herrscht – so wie bei uns eines von Italien? Es scheint der hartnäckige Glaube zu bestehen, dass bei uns im Norden immer alles reibungslos, effizient, korrekt und ohne Verzögerung abläuft. 


Tatsächlich tüftelt man in Italien ständig an einer zügigen Abwicklung von Vorgängen und so muss man überall eine Nummer ziehen: In der Post, am Schalter in der Uni, aber auch in der Apotheke oder der Eisdiele. Dazu bekommt man bei jeder Gelegenheit eine Mitgliedskarte für Vergünstigungen, zum Beispiel in Kinos, Clubs, Geschäften und Cafés. Die tessere sind zum einen überaus beliebt und aber zum anderen – insbesondere bei steigender Anzahl – verliert man schnell den Überblick. Ein weiterer Ordnungsfaktor ist der scontrino fiscale: Man erhält für jeden Einkauf (wirklich jeden!) einen Kassenbeleg, den man verpflichtet ist bis 500 m nach Verlassen des Geschäfts für eventuelle Kontrollen der Finanzpolizei mit sich zuführen. Abgesehen von einem schnell anwachsenden Berg von Kassenzetteln, habe ich den Höhepunkt des bürokratischen Gipfels bereits am Anfang meines Aufenthaltes erreicht, als es darum ging, ein Zimmer anzumieten: Der Untermietvertrag muss nämlich von einer Behörde registriert und genehmigt werden, was sechs Stempel, fünf Unterschriften, zwei offizielle Formulare und zwei Kopien vom Personalausweis bedeutet sowie einen Steuerbescheid und zwei bolli à 16 Euro, Klebemarken, die man in einem tabaccokauft und deren Barcode von der Behörde eingescannt wird. Schließlich heißt es dann auch noch einmal Nummer ziehen und warten.
Weil im Großen kein Weg an dem komplizierten Papier-, Karten- und Zettelchaos vorbeiführt, lässt man es im Kleinen lieber gleich bleiben und besinnt sich auf die wirklich wichtigen Dinge: Familie, Freunde, gutes Essen, Lebensfreude und Genuss. So sagt der Fahrradhändler, wenn man sein Fahrrad zur Reparatur abgibt: „Komm irgendwann die Tage vorbei, ich erkenn dein Gesicht schon wieder.“ Und anstelle eines Abholzettels, gibt es einen Kaffee. Auch wenn der italienische Espresso ein wahrer Genuss ist, bei genauem Überlegen, möchte ich doch lieber die Ruhe und Gelassenheit der Italiener mitnehmen, die sie selbst noch angesichts dieses Bürokratie-Wahnsinns und der verspäteten Züge an den Tag legen. Und ihre Hilfsbereitschaft und Offenheit. Oder ihre Lebensfreude und den Optimismus. Gerade fährt mein Zug über einen Bahnübergang, zwei Autos haben dort gehalten, ihre Fahrer sind ausgestiegen und halten einen kleinen Plausch, solange sie warten müssen. Sie lachen. Das ist auch Italien für mich: Aus jeder Situation immer das Beste zu machen.

Gerne würde ich auch all das gute Essen (und die Muße für ein langes und ausgiebiges pranzo oder cena) in den Koffer packen, die schönen Landschaften, Küsten und Städte sowie das gute Wetter. Diese Elemente haben meinen Aufenthalt großzügig verschönert und locken auch die vielen Touristen jedes Jahr nach Italien. Was man bei einem Kurzurlaub in Italien weniger bemerkt, ist die hohe Arbeitslosenquote, eine bedenkliche wirtschaftliche Lage und die hohen Studiengebühren. Ich habe viele Absolventen kennengelernt, die aufgrund der derzeitigen Arbeitsmarktlage in Erwägung ziehen im Ausland Arbeit zu suchen. Dennoch, auch das ist mir oft aufgefallen, wird auch der aktuellen Situation mit einem Schulterzucken getrotzt und positiv in die Zukunft geblickt.

Dabei habe ich etwas gefunden, das ich wieder mit nach Hause bringe. Kein Kaffee, kein gutes Wetter und auch keine komplett neue Lebenseinstellung. Sondern ein kritischer Blick sowohl auf das Heimat-, als auch auf das Gastland, auf die Vorzüge und Nachteile. Daraus entspringen viele neue Ideen, Gedanken, Impulse und Anregungen. Nicht zuletzt aus diesem Grund würde ich jedem raten, einmal im Studium ins Ausland zu gehen.
Text u. Bild: Anne Heimerl, 3. Semester Kulturwissenschaftliche Medienforschung (MA)

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