Can you spell Bauhaus? – Weimarer Studenten präsentieren auf der Mailänder Möbelmesse

Wer Design sagt, muss Italien sagen. Und wer Italien sagt, meint eigentlich Mailand. Epizentrum des guten Geschmacks, Hauptstadt der Gestaltung. Und zur Salone del Mobile macht der Wanderzirkus des Designs 6 Tage, 5 Nächte, 144 Stunden Halt zwischen Dom, Scala und der Trattoria ums Eck. Und was Goethe schon wusste, wissen wir auch: Man muss auch manchmal Weimar verlassen, um den eigenen Horizont zu erweitern. Oder um anderen Menschen den Horizont zu erweitern.
 

 

Mit dieser Absicht sind wir, sieben Bachelorabsolventen im Bereich Produktdesign, dorthin gereist. Wir haben es geschafft, uns für einen Ausstellungsplatz auf der Salone Satellite 2015 in Mailand zu bewerben. Wir haben dort der Weltöffentlichkeit gezeigt, was es bedeutet einen Abschluss der Bauhaus-Uni, in Gold gerahmt und mit Schleifchen drum herum, an der Wohnzimmerwand hängen zu haben.

Die Salone Satellite ist Teil der jedes Jahr im April stattfindenden, weltgrößten Design- und Möbelmesse in Mailand, der Salone Internazionale del Mobile di Milano. Die großen und kleinen Firmen der Branche, sowie Hochschulen machen ein unübersehbar großes Messegelände zum place-to-be des who-is-who des Designs. Mehr als 300.000 Besucher und Fachpublikum aus aller Welt bekommen die neuesten Produkte, Konzepte und Designs präsentiert. Zusätzlich öffnen in vielen Stadtteilen wie in Brera oder Lambrate zahlreiche extra für den Anlass umgestaltete Showrooms ihr Tore: Historischen Palazzi locken ebenso wie Lagerhallen oder Auto-Garagen mit beeindruckenden Ausstellungen, Vorträgen und vor allem zügellosen Partys. Kurz gesagt: Eine ganze Stadt steht Kopf.

Für Design-Studenten wie uns bietet die Mailänder Messe mit der Salone Satellite, die Möglichkeit zu vergleichsweise günstigen Konditionen, in einem speziell für Newcomer reservierten Bereich auszustellen. Dieser befindet sich auf dem offiziellen Messegelände gleich neben Vitra, Ligne Roset und anderen Gralshütern des guten Geschmacks. Jedes Jahr zieht die Satellite mehr und mehr Besucher an. Vor allem weil die kreativen und unkonventionellen Ideen der jungen Gestalter einen erfrischenden Ausgleich zu den sich oft sehr ähnelnden Konsumprodukten bieten.


 


Ohne Team-Work geht nix: Aufbau des Messestands

Zu Beginn des Abschluss-Semesters im vergangenen Herbst hat noch niemand damit gerechnet, das Studium mit einem Auftritt auf der Mailänder Möbelmesse abschließen zu dürfen. Das alles hatte aber auch einen Preis: Viel Arbeit. Es galt eine Menge zu organisieren, zu planen und zu konstruieren – und das zu einem großen Teil während der heißen Phase des eigenen Bachelorprojektes: tagsüber Bachelorarbeit, abends Messe-Planung mit den Kommilitonen.

Nach etlichen formalen und organisatorischen Hürden der Anmeldung, Verteidigung unserer Bachelor-Arbeiten, folgte der spannendste Teil der Messe-Vorbereitungen: Die Standgestaltung. Auf ein paar Quadratmeter Teppichboden sollten wir Projekte zeigen, die von Blindengeschirr bis Klobürste, von Tofu-Set bis zur Bahnsteig-Wartespielerei reichen. Wie bringt man das unter einen Hut?

Unser Ergebnis: „Can you spell Bauhaus?“

Ein schwarzer Stand im Hintergrund, das Farbschema nach Wes Anderson. Unsere Arbeiten strahlten durch die Halle und lockten die italienische Verlegerin genauso wie den japanischen Touristen an den Stand. Und was genau haben wir dem geneigten Messe-Besucher gezeigt? Ottonie von Schweinitz interpretierte traditionelle Essrituale neu: Anstoßen mit den Gläsern zum Beispiel. So entwarf sie ein Essgeschirr, das die unterschiedliche Wahrnehmung von Blinden und Sehenden verbinden soll.


 


Roy Müller erklärt einer interessierten Besucherin sein neues Verfahren

Ebenfalls eine Brücke schlagen wollte Weiwei Wang mit ihrem Entwurf eines Koch-Sets zum Tofu-Selbermachen: Als aktuelles „Trendprodukt“ in Europa aber auch gleichzeitig als Jahrhunderte altes Nahrungsmittel in Asien eignet sich Tofu perfekt, um Menschen durch zeitgemäßes Produktdesign ein altes chinesisches Handwerk näher zu bringen.

Roy Müller hingegen forschte während seines Abschlusssemesters an einem von der TU Dresden neuentwickelten Verfahren um Holz zu verformen und präsentierte einige der dabei entstandenen Test-Stücke den neugierigen Salone-Besuchern. Sophie Jahns widmete sich in ihrer Bachelor-Arbeit Menschen mit körperlichen Einschränkungen und entwarf einen Kleiderschrank für Demenzkranke. Durch Farben und spezielle Ordnungssysteme geht sie bei diesem Möbel auf spezielle Bedürfnisse und Anforderungen ein und stellt Erkrankten mit ihrem Möbel einen nützlichen Begleiter zur Seite. Eine humorvolle und ironische Interpretation nützlichen Designs gelang Benedikt Kestler mit seinem Handwärmautomaten. Wartende am Bahnhof sollen mit dieser, in Anlehnung an einen typischen Deutsche-Bahn-Fahrkartenautomaten gestalteten Maschine, die Wartezeit auf den Zug positiver wahrnehmen.


 

Benedikt Kestler’s Happiness-to-go Automat erfreut eine Besucherin.

Während Laura Augustin sich ganz dem Ekel im Badezimmer und einem Re-Designs der klassischen Klobürste verschrieben hatte, widmete sich Andreas Kamolz einem Boat-Sharing-Konzept für Wasserstraßen in Großstädten.

Messen sind natürlich dafür da, um sich zu präsentieren, auf sich aufmerksam zu machen und Menschen von der eigenen Arbeit und seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Das bedeutet Kommunikation auf allen Kanälen. Am Vormittag auf dem Messestand mit dem italienischen Möbel-Produzenten plaudern und am Abend mit Freunden bei einem Glas Rotwein Neuigkeiten austauschen. Parallel dazu werden Presse-Anfragen beantwortet und Interviews gegeben. Was könnte da schöner sein, als dass sich Arbeit am Schluss in konkreten Erfolgserlebnissen auszahlt: So ergab sich für Weiwei Wang beispielsweise ein Arbeitsangebot einer Porzellan-Designerin, zahlreiche Blogbeiträge und mit einhergehender viraler Verbreitung ihrer Arbeiten. Ottonie von Schweinitz führte während der Messe sogar ihr Bewerbungsgespräch für ein Masterstudium an einer renommierten niederländischen Design-Hochschule – und bekam auch den Zuschlag.

Wer nun noch mehr wissen will oder sich einfach ein paar Bilder anschauen möchte, kann sich auf der offiziellen Homepage canyouspellbauhaus.de oder benediktkestler.de/salonedelmobile2015 informieren. Weniger informativ, aber nicht weniger anschaulich, findet man unsere Werke auch bei Spiegel online. #canyouspellfame

Den besten Eindruck bekommt ihr natürlich bei der diesjährigen Summaery Jahresausstellung, wo alle Objekte noch einmal präsentiert werden.

Text und Bild: Benedikt Kestler

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