Hier wird nicht nur gehäkelt – die Textilwerkstatt

„Die nähen da ihre Kleidchen“ oder „Da treffen sich Mädels zum Stricken“ – das sind die gängigen Aussagen, die man auf die Frage nach der Textilwerkstatt der Bauhaus-Uni zu hören bekommt. Dass sich weder Modefanatiker unter den Mitgliedern befinden, die die letzten Prêt-à-porter-Kollektionen nachschneidern, noch ausschließlich Mädchen die Werkstatt nutzen, verraten mir Wiebke Müller (Produktdesign B.A.) und Elisa Trebstein (Visuelle Kommunikation B.A.). Die beiden habe ich anlässlich meines Besuchs in der Textilwerkstatt gebeten, ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern und so erfahre ich, dass die Werkstatt eher Labor als Modeatelier ist und einen Ort bietet, an dem frei experimentiert und ausprobiert werden darf. Welche Muster kann man mit der Strickmaschine herstellen? Was passiert, wenn man Draht in den Webstuhl spannt? 

Aber Elisa und Wiebke bestätigen mir auch, dass sich das Vorurteil vom Strick- und Häkelkreis hartnäckig hält, vielleicht auch aufgrund der historischen Wurzeln der Textilwerkstatt. Zwar wurden 1919 sogar mehr Frauen als Männer am Bauhaus aufgenommen, doch schon sehr bald versuchte man, dieser Tendenz entgegen zu wirken und so wurde nur ein Jahr später die Weberei zur „Frauenklasse“ erklärt. Dort entwickelten die Frauen jedoch avantgardistische Textilkunst und fortschrittliches Industriedesign, wie Wiebke erklärt.

Genauso verkannt wie damals, so versteckt ist auch die heutige Textilwerkstatt. Daher hat sich Elisa zum Ziel gesetzt, die Textilwerkstatt im Unialltag präsenter zu machen. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit wird sie eine Kampagne für die Werkstatt entwickeln, die mit Logo und Beschilderung zunächst den Weg zur Werkstatt erleichtern soll. Versteckt hinter dem Van-de-Velde Bau und neben der Metallwerkstatt liegt diese und nur wenige Studenten kennen die verschlungenen Pfade dorthin. Doch vor allem möchte Elisa mit ihrer Kampagne mehr Aufmerksamkeit für das Arbeiten in der Werkstatt erzeugen und daher im Januar drei Workshops zu verschiedenen Techniken wie beispielsweise dem Weben oder zur Strickmaschine anbieten. 
Die Textilwerkstatt ist keine „normale“ Werkstatt, wie beispielsweise die Holz- oder Metallwerkstatt, sondern eine Initiative des StuKo (studentische Vertretung an der Uni), durch den sie auch gefördert wird. 2010 von Marie Burkhard und Katrin Steiger gegründet, wird sie ausschließlich von Studierenden betrieben, die weder Fachkräfte noch Werkstattmeister sind, sondern „einfach Lust am Experimentieren mit Stoffen, Mustern und Techniken haben“, bekräftigen Wiebke und Elisa enthusiastisch. Zweimal in der Woche ist die Werkstatt geöffnet und einer vom Team ist immer vor Ort, der eine Nähmaschinen-Einweisung oder Tipps zur Stoffwahl geben kann. Maschinen, Werkzeuge und Stoffreste dürfen von jedem verwendet werden und eine kleine Kasse freut sich über Spenden. Vorbeikommen kann jeder, es braucht keinerlei Vorkenntnisse, um in der Werkstatt arbeiten zu dürfen. Oft sind es vor allem Gestaltungs- oder Kunststudierende, die ihre Uniprojekte hier umsetzen. Doch auch wer das Nähen zu seinem Hobby machen möchte oder nur ein paar Reparaturen durchführen muss, ist hier willkommen. Durch die Vielfalt der Projekte und die unterschiedlichen (Vor-)Kenntnisse ist die Werkstatt zu einem beliebten Treffpunkt geworden. 
Dass das experimentelle Arbeiten mit Stoffen und Textilien nicht ausschließlich die Fakultät Gestaltung und vor allem nicht nur das Kleider-Nähen betrifft, zeigt sich an der Lecture-Reihe „Future Vintage“, welche von der Textilwerkstatt mitorganisiert wird und erstmals im Wintersemester 2013/ 14 stattfand. In diesem Jahr standen die Vorträge und Workshops zu aktuellen Themen der Textiltechnik und -gestaltung unter dem Motto „The Textile Resistance“ und wurden in Zusammenarbeit mit Michaela Honauer (Human-Computer Interaction) und Martin Schneider (Gestaltung Medialer Umgebungen) entwickelt. Dabei zeigten spannende Beispiele, wie etwa das Thema „Wearables“, die Verbindung von Handwerk und Wissenschaft auf. Insbesondere die enge Verknüpfung zur Informatik ist für die Textilforschung relevant: In der Zukunft werden uns wohl immer häufiger „Smart Textiles“ kleiden. Auf Grundlage der Vortragsreihe von 2015 soll im nächsten Jahr eine Publikation erscheinen und auch eine neue Reihe wird derzeit geplant.

Ob nun bei der Organisation der nächsten Lecture-Reihe oder bei der Betreuung der Werkstatt, das Team der Textilwerkstatt freut sich immer über neue Gesichter mit kreativen Ideen und Visionen zur Umgestaltung und Weiterentwicklung des kleinen Textillabors. Denn auch für die Räumlichkeiten besteht Entwicklungsbedarf: Eigentlich sei der Name „Werkstatt“ irre führend, meint Wiebke, denn dafür fehle es an ausreichend Werkbänken und Platz zum Arbeiten. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden, und so steht auch der Name „Textilwerkstatt“ für eine noch zu verwirklichende Intention.

Textilwerkstatt:
Raum 002 in der Geschwister-Scholl-Str. 13 (neben Metall- und Gipswerkstatt)
Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag 16-19 Uhr

Mail zur Textilwerkstatt
Blog der Textilwerkstatt
Initiative StuKo Textilwerkstatt
Lecture-Reihe „Future Vintage“   

Bild und Text: Anne Heimerl, Kulturwissenschaftliche Medienforschung (M.A.)

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