Zum Falken…

… kann ich immer gehen.




Dienstag

19 Uhr.

Hungrig steige ich mit ein paar Freunden die Steintreppe zur Eingangstür des Falken hinauf. Wir hatten bis jetzt Seminar und ich habe eigentlich die ganze Zeit nur an Sushi gedacht. Maki. Nigiri. California Roll. Reis innen, Reis außen. Was es nicht alles gibt.

Ich drücke die quietschende Holztür auf. Schlagartig steht uns allen die Ungläubigkeit ins Gesicht geschrieben und mein Magen rebelliert laut. Der gesamte Falken besteht aus einer circa 40-köpfigen Menschenschlange. Von der kleinen Küche, in der Sanchin und Han, die sonst auf der Franz Liszt Musikhochschule Oper studieren, eifrig Sushi rollen bis hinter zu den Sitzecken steht alles. Wir wollen es jetzt aber wissen und wagen uns ans Ende der Reihe.

19:20 Uhr.


Mittlerweile sind wir an der Bar angelangt und gönnen uns ein kleines Warte-Bier.


19:50 Uhr.
Bestellung erfolgreich abgegeben. Die Auswahl ist groß, der Preis klein. Ich luge in die Küche hinein und sehe wie alles frisch zubereitet wird.

20:30 Uhr.
Aus dem einen Warte-Bier sind mittlerweile drei geworden. Die Stimmung und Musik sind gut. Irgendwie macht zusammen warten Spaß. Nach und nach werden Teller voller Leckereien herausgetragen und Nummern geschrien. Jeder blickt hektisch auf seinen Zettel und stöhnt halbernst, halbamüsiert wenn es nicht die eigene Portion Reisrollen mit Sojasoße, Ingwer und Wasabi ist.

21:15 Uhr.
Die Bedienung wird jubelnd an unserem Tisch empfangen, als sie vor jede unserer Nasen 18 Rollen Sushi mit unterschiedlichster Füllung stellt. Die Freude ist groß.
21:20 Uhr.
Hungrige Stille.
21:35 Uhr.
Die Mägen sind gesättigt. Lecker war’s und sicher nicht das letzte Mal. Wer früher essen will, sollte um 18:30 Uhr schon an der Tür stehen. Auch wenn das kollektive Warten tatsächlich etwas hat.
Mittwoch
Mittwochs gibt es VoKü (Volksküche). Fleur, fertige Architekturstudentin der Bauhaus-Uni und Dienstälteste im Falken, erklärt wie es abläuft: Jeder kann sich ein paar Tage vorher beim Falken melden und sich als „Koch“ für den kommenden Mittwoch eintragen. Der/diejenige bekommt 20 Euro für die Zutaten, darf die Küche benutzen und das Essen für einen fairen Preis verkaufen (3 bis 4 Euro pro Portion). Das Ganze wird dann am Tag zuvor auf der Piazza Pinnwand angekündigt und vor allem untereinander weiter gesagt. Leider hat sich schon länger niemand mehr gemeldet. Wer also Lust hat seine Mitmenschen zu bekochen, dem sind keine Grenzen gesetzt: Libanesisch, italienisch, thüringerisch – jede Leckerei ist willkommen.


Donnerstag
Am Donnerstag wird’s noch lauter als sonst im Falken. Meist nach 23 Uhr gibt es nämlich Live-Musik. Wer als Band oder Solokünstler beim Falken anfragt, darf in der Regel auch auftreten. Es gibt eine kleine, aber feine Bühne mit schöner Beleuchtung. Hier kommen manchmal verborgene Musiktalente zum Zug. Abwechslung, die verschiedensten Musikrichtungen und Überraschungen sind garantiert.
Samstag
Ein ganz normaler Abend im Falken. Die Tische sind gut besetzt, ein paar von den alten Kinosesseln sind sogar noch frei. Auf einmal stürmt eine Bande Wandergesellen herein, lachend, manche mit, manche ohne Hut. Sie kennen sich im Falken aus, es ist eine ihrer Anlaufstellen, wenn sie auf der Reise quer durchs Land sind. Sie dürfen im Billiard-Raum oder auf den Bänken nächtigen. Wer das Auge über die Wände streifen lässt, erkennt neben aufgehängten Musikinstrumenten die „Wandergesellen-Falken-Tradition“ in Form von etlichen Fotografien vergangener Generationen.
Sonntag
Alle Tische sind besetzt, die Stimmung ist gemütlich Sonntag-abendlich. Schnell noch eine Portion Käseknacker und Kartoffelsalat vor der Tagesschau bestellen und dann kann es losgehen. Leinwand und Fernsehbildschirm sind so angebracht, dass von allen Seiten gesehen und gehört werden kann. Es wird eng und kuschelig. Rauch und Krimi-Vorfreude hängen in der Luft.
Um 20:15 Uhr macht noch ein Letzter „Pssst!“ und dann ist Ruhe. Der Tatort beginnt. Jetzt heißt es zurücklehnen und mitfiebern.
Montags wird schließlich noch Schach gespielt und Freitags ist „nur Falken“ angesagt. Aber auch das kann jedes Mal ein Erlebnis werden. Wer weiß mit wem man letztendlich am Tisch landet oder die Billardkugel versenkt. Hier vermischt sich groß und klein, alt und jung.
Eine Besonderheit für dieses Jahr wartet noch: Passend zur Weihnachtszeit gibt es an einem Abend Anfang Dezember vom Chef selbst zubereitete Falken-Ente. Wer mit schnabulieren will, einfach an der Bar nachfragen.
Tom Eisenberg, der nur „Eisen“ genannt wird ist der Besitzer. Er hat den Laden vor ungefähr 20 Jahren eröffnet. Der gebürtige Weimarer ist damals die Trierer Straße entlang gelaufen und hat das Aushängeschild „Zum Verkauf“ über dem Falken gesehen. Die ersten 8 Jahre war er jeden Tag alleine hinter der Bar und öffnete den Falken sogar morgens zum Frühschoppen, hauptsächlich für die Handwerker und Bauarbeiter aus der Gegend.
Mittlerweile ist der Falken nur noch abends offen, dafür aber jeden Tag. „Eisen“ und sein Team haben die Räumlichkeiten zu einem Ort gemacht, der gleichzeitig Wohnzimmer und Partykeller ist. 
Aber vor allem ist es ein Ort, an dem die Zeit stehen bleibt. Die Fenster zur wirklichen Welt „da draußen“ sind mit schwarzem Vorhang abgedeckt. Der Falken ist gezeichnet, hier saßen schon etliche Menschen, haben erzählt, getanzt, gelacht, gegessen, gespielt und gesungen. Die Philosophie der Kneipe: Im Falken ist jeder willkommen und darf sich frei fühlen. Klamotten, Geld, Herkunft, Studium oder Arbeit sind hier völlig egal.
Diese Einstellung schwebt wie der neblige Rauch immer mit.
Wo? Trierer Straße 7, 99423 Weimar
Öffnungszeiten:
Mittwoch – Montag:  19 Uhr – Open End (Je nachdem wie viel los ist und die Bar Lust hat;)).
Dienstag:                  18:30 Uhr – Open End
Kontakt:
Facebook-Gruppe „Zum Falken“ und Piazza Pinnwand.
Wer eine Frage hat, VoKü oder Musik machen will, kommt aber am besten einfach vorbei und kann direkt mit den „Falkenern“ sprechen oder sein Anliegen auf einem Bierdeckel hinterlassen. Ansonsten gibt es auch ein Telefon: 03643 505566
… und hier nochmal alle Tage auf einen Blick:
Montag: Schach
Dienstag: Sushi
Mittwoch: VoKü
Donnerstag: Live-Musik
Freitag: Einfach Falken
Samstag: Einfach Falken
Sonntag: Tatort
Text und Foto: Violetta Ditterich, Medienwissenschaft (M.A.), 3. Semester

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.